Ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung für Selbstständige und Freiberufler sinnvoll?

30. September 2016 | Autor: Redaktionsteam Hannoversche | Kommentare: 0 | Bewertung: Bitte geben Sie Ihre Bewertung abBitte geben Sie Ihre Bewertung abBitte geben Sie Ihre Bewertung abBitte geben Sie Ihre Bewertung abBitte geben Sie Ihre Bewertung ab (8)

Berufsunfähigkeitsversicherung für Selbstständige

Mit der Frage, ob eine Berufsunfähigkeitsversicherung sinnvoll ist, sollten sich vor allem Selbstständige intensiv beschäftigen. Schließlich stehen Unternehmer oder Freiberufler im Falle einer Arbeitsunfähigkeit von heute auf morgen ohne Einkommen da. Die Berufsunfähigkeit kann für Selbstständige somit schnell zur Existenzbedrohung werden. Und das betrifft hierzulande nicht wenige Menschen. Immerhin geht in Deutschland etwa jeder Zehnte einer selbstständigen Erwerbstätigkeit nach. Warum eine Berufsunfähigkeitsversicherung für Selbstständige und Freiberufler wichtig ist und was Sie beim Abschluss beachten sollten, erfahren Sie hier!

Als Selbstständiger ist man mit vielen Dingen beschäftigt, die das eigene Unternehmen betreffen. Dabei spielt es keine Rolle, ob man Unternehmer, Gewerbetreibender oder Freiberufler ist – Eigenorganisation ist das A und O. Umso wichtiger ist es in all dem Trubel, sich rechtzeitig Gedanken um eine vernünftige Absicherung zu machen. Auch wenn sich viele einer möglichen Berufsunfähigkeit nur sehr ungern widmen, ist es ein entscheidendes Thema hinsichtlich der privaten und beruflichen Existenz.

Denn Selbstständige sind genau wie Arbeitnehmer dem Risiko ausgesetzt, ihrer beruflichen Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr nachgehen zu können. Deshalb ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung für Selbstständige absolut sinnvoll. Die wichtigsten Fragen und Antworten finden Sie hier.

Welchen Unterschied gibt es für Selbstständige und Freiberuflern im Vergleich zu Arbeitnehmern?

Selbstständig oder angestelltDer wesentliche Unterschied zwischen Selbstständigen und Arbeitnehmern ist, dass Selbstständige nicht automatisch eine Erwerbsminderungsrente vom Staat erhalten.

Dies liegt daran, dass Selbstständige nicht sozialversicherungspflichtig sind. Damit sind sie auch nicht in der gesetzlichen Rentenversicherung versichert, die die Erwerbsminderungsrente auszahlt.

Allerdings können sich Selbstständige freiwillig in der gesetzlichen Rentenversicherung versichern, um auch eine Erwerbsminderungsrente zu erhalten.

Die Erwerbsminderungsrente gibt es seit Januar 2001 für abhängig beschäftigte Arbeitnehmer, die nach dem 01.01.1961 auf die Welt kamen. Ältere abhängig beschäftigte Arbeitnehmer erhalten statt der Erwerbsminderungsrente noch die staatliche Berufsunfähigkeitsrente.

Wie gestaltet sich die Erwerbsminderungsrente?

Die Leistungen der Erwerbsminderungsrente sind nicht sehr üppig und an zahlreiche Bedingungen geknüpft. Wer vollen Anspruch auf die Erwerbsminderungsrente genießt, bekommt gerade mal 36 Prozent seines Bruttogehalts.

Die komplette Erwerbsminderungsrente erhalten Arbeitnehmer auch nur, wenn sie künftig weniger als drei Stunden am Tag arbeiten können. Dazu lässt die Rentenkasse durch einen Arzt prüfen, wie lange sie täglich zu arbeiten imstande sind. Ergibt die Untersuchung beispielsweise, dass sie pro Tag noch sechs Stunden irgendeine Tätigkeit erledigen können, müssen sie dieser auch nachkommen. Eine Erwerbsminderungsrente gibt es in dem Fall gar nicht.

Dabei spielt es keine Rolle, wie viel der Arbeitnehmer künftig in seinem Job verdient und um was für eine Art Job es sich handelt. Für diesen Fall ist also eine private Vorsorge absolut sinnvoll. Auch abhängig beschäftige Arbeitnehmer sollten daher über den Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung nachdenken, um im Falle einer dauerhaften Arbeitsunfähigkeit den Lebensstandard halten zu können.

Selbstständige gehen ohne Absicherung leer aus – die Berufsunfähigkeitsversicherung sichert in angemessener Höhe ab

Selbstständige haben den Vorzug, ihr eigener Chef zu sein. Sie tragen allerdings auch Risiken, um die sich Arbeitnehmer keine großen Gedanken machen müssen. Ein geregeltes Einkommen ist bei Selbstständigen nicht immer an der Tagesordnung, sondern unterliegt je nach Branche und Wirtschaftslage gewissen Schwankungen.

Da Selbstständige nicht sozialversicherungspflichtig sind, ergeben sich Versorgungslücken. Weil sie keine Beiträge zu den gesetzlichen Versicherungen leisten, stehen Selbstständige bei eintretender Berufsunfähigkeit sofort ohne Absicherung und Einkommen da. Das heißt im Klartext: Wenn nicht mehr gearbeitet werden kann, kann auch nichts mehr verdient werden.

Selbstständige können also entweder freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, um zumindest die sehr geringe Erwerbsminderungsrente zu erhalten. Und/oder sie schließen eine Berufsunfähigkeitsversicherung ab und sichern das persönliche Risiko einer Berufsunfähigkeit in einer angemessenen Höhe ab.

Exkurs: Was ist der Unterschied zwischen Berufsunfähigkeit und Erwerbsunfähigkeit?

Die Berufsunfähigkeitsversicherung leistet bei einer Berufsunfähigkeit. Die gesetzliche Rentenversicherung hingegen springt mit der Zahlung der Erwerbsminderungsrente erst bei der Erwerbsunfähigkeit ein. Doch wo liegt der Unterschied zwischen berufsunfähig und erwerbsunfähig?

  • Berufsunfähig ist eine Person dann, wenn ihr eine Erwerbstätigkeit in ihrem bisherigen Beruf aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht mehr zugemutet werden kann.
  • Bei einer Erwerbsunfähigkeit hingegen wird beurteilt, ob die Person auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt noch Tätigkeiten ausüben kann – also auch in einem völlig anderen Umfeld.

Wie viel kostet eine Berufsunfähigkeitsversicherung für Selbstständige?

Die Höhe der monatlichen Beitragskosten für eine Berufsunfähigkeitsversicherung hängt von verschiedenen Faktoren ab. Leistungsdauer und Höhe der Berufsunfähigkeitsrente spielen dabei eine entscheidende Rolle. Genau wie bei anderen Berufsgruppen orientieren sich die BU-Beiträge für Selbstständige auch an der ausgeübten Tätigkeit, dem Berufsrisiko, Gesundheitszustand und Eintrittsalter des Antragstellers.

Da sich die Prämie unter anderem auch nach dem Eintrittsalter richtet, gilt generell die Faustregel: Je jünger der Versicherungsnehmer ist, desto geringer fallen die Beiträge aus. Beim Abschluss einer BU-Versicherung kann der Selbstständige über die spätere Höhe der monatlichen Berufsunfähigkeitsrente aktiv mitentscheiden. Je mehr er ausgezahlt bekommen möchte, desto höher ist der zu zahlende Beitrag.

Tipps: Was ist beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung für Freiberufler noch zu beachten?

Selbstständige sollten beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung darauf achten, eine Anpassungsoption vertraglich festzuhalten – und zwar ohne eine erneute Gesundheitsüberprüfung. Durch diese sogenannte Nachversicherungsgarantie lassen sich Beiträge flexibel anpassen, wenn beispielsweise das Einkommen durch einen Jobwechsel steigt. Durch das Anheben der Beiträge ist eine Erhöhung der Berufsunfähigkeitsrente realisierbar.

Die Nachversicherungsgarantie ist allerdings an gewisse Bedingungen geknüpft.

  • Diese Vertragsklausel ist so zum Beispiel oft nur bis zu einem gewissen Höchstalter des Versicherten vereinbar.
  • Zudem darf die Gesamthöhe der Versicherungssumme unter Umständen einen bestimmten Maximalbetrag nicht überschreiten.
  • Außerdem ist eine Anpassung gegebenenfalls innerhalb eines vorher definierten Zeitraumes erforderlich.

Darüber hinaus ist es ratsam, im Vertrag den Verzicht auf die sogenannte „Abstrakte Verweisung“ zu fixieren. Dadurch kann die BU-Versicherung dem Versicherten keine andere berufliche Tätigkeit zuweisen, die er trotz seiner Arbeitsunfähigkeit theoretisch noch ausüben könnte.

Zudem ist es möglich, mit der Versicherung eine jährliche Steigerung der BU-Rente zu vereinbaren, um die Inflation auszugleichen. 1.000 Euro beispielsweise haben nämlich in 30 Jahren eine andere Kaufkraft als heute. Mit einer jährlichen Inflationsrate von zwei bis drei Prozent sollte man kalkulieren. Antragssteller sollten auch wissen, dass sie die Berufsunfähigkeitsrente versteuern müssen.

Welche vertraglichen Besonderheiten gibt es speziell für Selbstständige in einer Berufsunfähigkeitsversicherung?

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung kann vom Selbstständigen „angemessene Maßnahmen“ zur Umgestaltung der Tätigkeiten und des Betriebs verlangen. Wenn eine solche Umgestaltung nicht möglich ist, liegt eine Berufsunfähigkeit vor. Erst dann ist die BU-Versicherung auch zur Zahlung der Rente verpflichtet. Die Umgestaltungsmaßnahmen unterliegen dabei bestimmten Grenzen der Zumutbarkeit – sowohl finanzieller als auch persönlicher Natur.

  • Grundlegende Veränderungen des betrieblichen Charakters sind nicht zumutbar.
  • Erhebliche Einkommenseinbußen müssen nicht hingenommen werden.
  • Die neue Tätigkeit darf nicht zu einer starken Überforderung oder Unterforderung des Selbstständigen führen.
  • Auch nach einer Umorganisation muss die Gesamtheit der Tätigkeiten eines Betriebsinhabers angemessen sein.

Über Zumutbarkeit der Maßnahmen wird in der Regel von Fall zu Fall individuell entschieden. Ob die BU-Versicherung die Kosten einer Umorganisation übernimmt (z. B. rollstuhlgerechter Eingang), hängt von den vereinbarten Versicherungsbedingungen im Vertrag ab.

Reicht Selbstständigen eine Berufsunfähigkeitsversicherung als Absicherung alleine aus?

Die Antwort lautet: „Nein“. Für Selbstständige ist es in jedem Fall ratsam, die BU-Versicherung sinnvoll zu ergänzen. Denn der allgemeine Versicherungsschutz für Selbstständige ist grundsätzlich eher rudimentär vorhanden – im Gegensatz zu abhängig beschäftigen Arbeitnehmern.

Um beispielsweise im Krankheitsfall umfassend abgesichert zu sein, ist eine private Krankenversicherung mit Krankentagegeld zu empfehlen. Denn eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt es bei Selbstständigen nicht. Bei längerer Krankheit wird somit das Einkommen durch das Krankentagegeld ersetzt. Es sollte so bemessen sein, dass es dem durchschnittlichen monatlichen Einkommen entspricht.

Auch eine private Unfallversicherung kann für diese Berufsgruppe sinnvoll sein. Es gibt private Unfallversicherungen, zu deren Leistungen z. B. auch das Krankentagegeld zählt.

Der gesetzliche Unfallversicherungsschutz gilt für Unternehmer nicht. Um sich gegen die Folgen eines Arbeitsunfalls oder einer Berufskrankheit abzusichern, können sich Selbstständige jedoch freiwillig in der gesetzlichen Unfallversicherung versichern.

Die gesetzliche Unfallversicherung kommt in Form einer Rente sowie von Verletzten- bzw. Übergangsgeld* bei einem Erwerbsausfall auf, der im unmittelbaren Zusammenhang mit der Arbeit steht. Gemeint sind damit Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten. Zur Kategorie der Arbeitsunfälle zählen einerseits im Betrieb erlittene Unfälle, anderseits Unfälle, die auf dem Weg zur Arbeit oder von dort weg (Wegeunfälle) erlitten wurden. Bei Berufskrankheiten handelt es sich um Krankheiten, die Versicherte durch die Ausübung ihrer Tätigkeit erleiden.

Generell sollten sich Unternehmer die Police ihrer BU-Versicherung genau anschauen und anschließend abwägen, welche Zusatzleistungen sie durch eine private bzw. gesetzliche Unfallversicherung abdecken wollen.

*Das Verletztengeld ist eine Leistung der gesetzlichen Unfallversicherung analog zum Krankengeld und wird gewährt, solange der Betroffene infolge eines Arbeitsunfalls oder einer Berufskrankheit arbeitsunfähig ist.

Wie viele Arbeitnehmer sind in Deutschland selbstständig?

Anteil der Selbstständigen am Arbeitsmarkt - Statistik nach BundesländernIn Deutschland arbeiteten laut Informationen des Arbeitskreises „Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder“ 2014 rund 4,4 Millionen Selbstständige. Das entspricht 10,3 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland.

Somit bezahlt jeder Zehnte Deutsche die Freiheit der Selbstständigkeit mit mehr Risiko und Verantwortung im Vergleich zu abhängig beschäftigten Arbeitnehmern.

Eine Million davon arbeitet im Bereich Handel, Verkehr und Gastgewerbe. Eine weitere Million der selbstständigen Erwerbstätigen stammt aus dem Dienstleistungssektor im Finanz-, Versicherungs- und Unternehmensbereich sowie im Grundstücks- und Wohnungswesen.

Fazit: Eine Berufsunfähigkeitsversicherung für Selbstständige ist ein Muss

Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist für Selbstständige nicht nur eine sinnvolle, sondern auch eine notwendige Police, um das Risiko der Berufsunfähigkeit abzusichern. Freiberufler profitieren von keinerlei staatlichen Unterstützungsmodellen wie zum Beispiel der Erwerbsminderungsrente, da sie zumeist nicht gesetzlich versichert sind und sollten daher entsprechende Vorkehrungen treffen.

Beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung sollte berücksichtigt werden, dass die Beitragshöhe und die Laufzeit vertraglich so vereinbart werden, dass eine mögliche Versorgungslücke optimal geschlossen werden kann. Je eher eine BU-Versicherung abgeschlossen wird, desto geringer sind die Beitragskosten.

Die wichtigsten Punkte für Selbstständige und Freiberufler auf einen Blick:

  • Selbstständige und Freiberufler sind meist nicht sozialversicherungspflichtig. Dadurch zahlen sie keine Beiträge zur gesetzlichen Renten-, Kranken- oder Arbeitslosenversicherung und erhalten folglich keine Leistungen von diesen Stellen.
  • Arbeitnehmer bekommen automatisch eine Erwerbsminderungsrente. Selbstständige und Freiberufler bekommen meist gar nichts. Sie können sich aber freiwillig versichern.
  • Die Erwerbsminderungsrente ist für Arbeitnehmer wie für Selbstständige und Freiberufler im Ernstfall zu gering. Der Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung ist ratsam.
  • Arbeitnehmer bekommen eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Selbstständige und Freiberufler nicht. Sie sollten deshalb eine Krankentagegeldversicherung abschließen. Manche private Unfallversicherungen zahlen auch Krankentagegeld.
  • Arbeitnehmer sind in der gesetzlichen Unfallversicherung versichert. Selbstständige und Freiberufler nicht. Sie können sich aber freiwillig versichern. Die gesetzliche Unfallversicherung zahlt bei einem Erwerbsausfall, der unmittelbar mit der Arbeit zusammenhängt.

 

Quellen: Artikelbild oben © Tyler Olson - Fotolia.com, Bild im Text: Angestellt oder selbstständig © Marco2811 - Fotolia.com


Kategorien: Allgemein

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