Was ist ein Micromort und warum wir täglich Risiken eingehen

Rauchen ist tödlich – trotzdem raucht fast jeder vierte Deutsche. Und kaum einer denkt dabei an den eigenen Tod. Dafür haben viele Raucher Angst davor, mit einem Flugzeug abzustürzen. Warum das so ist? Das liegt am Unterschied zwischen Risiko und Gefahr.

Raucher sterben früher

Jahr für Jahr sterben zwischen 110.000 und 140.000 Menschen an den Folgen des Rauchens – alleine in Deutschland. Weltweit verlieren über sechs Millionen Raucher jedes Jahr ihr Leben. Warum greifen trotzdem fast 25 Prozent der Deutschen regelmäßig zum Glimmstängel, wenn die Wahrscheinlichkeit, dadurch früher zu sterben, so hoch ist? Mit Sicherheit oft aus Gewohnheit. Aus Gedankenlosigkeit. Aus dem Gefühl der Sucht heraus. Doch dabei wird das Risiko, an genau diesem Laster früher zu sterben, komplett ausgeblendet.

Verschobene Wahrnehmung der Risiken

Risiken lassen sich einschätzen, okay, sie lassen sich auch kalkulieren. Man kann ein Risiko definitiv minimieren. Man kann es auch bewerten. Aber kann man ein Risiko überhaupt messen? Und was ist das überhaupt, ein Risiko? Forscher haben versucht, dieses Phänomen greifbar zu machen. Es gibt sogar einen Berufszweig, der sich dezidiert mit dem Thema auseinandersetzt: der Risikoforscher. Einer der bekanntesten ist der Münchner Arzt und ehemalige Universitätsprofessor Klaus Heilmann. Er beklagt die verschobene Wahrnehmung von echten Gefahrenquellen. „Die Risiken, die durch Sport, Beruf, Straßenverkehr, Unfälle und so weiter zustande kommen, haben einen Anteil von vielleicht einigen Prozent an der Gesamtheit aller Risiken“, sagte Heilmann in einem Radiointerview.

Eine Skala für Risiken

Wie aber lässt sich dann das echte Risiko greifen und berechenbar machen? Heilmann hat zusammen mit dem amerikanischen Professor für Medizintechnik und Pharmako-Epidemiologie John Urquhart vor fast 40 Jahren eine Skala entwickelt. Sie funktioniert im Prinzip wie die Richterskala für Erdbeben. „Man kann damit bestimmte – wenn auch nicht alle – Risiken des täglichen Lebens bewerten, weil ja zu den meisten Ereignissen exakte Zahlen des Statistischen Bundesamtes vorliegen“, erklärt Heilmann in einem Interview. Man nimmt also die vorhandenen Daten und errechnet daraus die Wahrscheinlichkeit, mit der ein bestimmtes Ereignis – nehmen wir einen Flugzeugabsturz oder einen Lawinenabgang – eintritt. Anhand dieser Kennzahl bestimmt er das Risiko. Und was kommt dabei heraus?

Wirklich tödlich: Rauchen, trinken, schlechtes Essen

Das Risiko, tatsächlich mit einem Flugzeug abzustürzen, liegt bei 1 zu 3,5 Millionen. Das heißt mit anderen Worten, dass es, rein statistisch betrachtet, ein Opfer unter 3,5 Millionen Passagieren gibt, die während eines Jahres fliegen. Die wirklichen Gefahren lauern Heilmanns Beobachtung nach ganz woanders: Die wirklich tödlichen Risiken heißen: Rauchen, Trinken und schlechte Ernährung. „Das Risiko des Rauchens liegt bei etwa 1 zu 200. Das heißt, dass von 200 Rauchern einer innerhalb eines Jahres stirbt“, sagt Heilmann. Zweithäufigste Ursache, früher zu sterben: ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung.

Der Unterschied zwischen Gefahr und Risiko

Obwohl diese Laster auf dem von Heilmann entwickelten Risikobarometer im dunkelroten Bereich liegen, rauchen und trinken Menschen munter weiter. Dabei hätte ein Verzicht auch ganz manifeste, monetäre Vorteile. Neben den Ersparnissen aus dem Verzicht auf Zigaretten sinkt auch der Beitrag zur Risiko­le­bens­versicherung, denn der richtet sich nach der Wahrscheinlichkeit zu erkranken. Doch zu diesem Risiko scheinen Menschen keinen rechten Bezug zu entwickeln. Warum das so ist? Auch das weiß Heilmann: „Risiko ist eine variable Größe, während die Gefahr stets gleich bleibt“, sagte der Forscher jüngst auf einem Vortrag. „Ein Löwe ist immer gefährlich, doch das Risiko wächst für uns, je näher wir ihm kommen.“ Vielleicht ist es ja sogar hilfreich, wenn Risiken näherrücken. Wenn sie greifbarer und nachvollziehbarer werden. Erst dann klingeln die Alarmglocken, zunächst leise, dann mit zunehmender Gefahr immer lauter und lauter, bis wir unser Handeln ändern. Im besten Fall sollte das Umdenken schon beim ersten Läuten einsetzen.

Mikromorts – kleine Tode als Maßeinheit. Das Leben kann so tödlich sein

Einen wichtigen Ansatz hierzu hat der amerikanische Forscher Ronald A. Howard geliefert. Er hat nämlich eine sehr anschauliche Einheit zur Risikobewertung erfunden. Die Maßeinheit heißt Mikromort, frei übersetzt also so etwas wie „kleiner Tod“. Ein Mikromort entspricht der Wahrscheinlichkeit von 1 zu einer Million, dass ein bestimmtes Handeln zum Tod führt. Mit dieser Einheit lässt sich also das Todesrisiko einer bestimmten Tätigkeit messen. Einen Mikromort, um beim obigen Beispiel des Rauchens zu bleiben, gibt es bereits nach 1,4 Zigaretten – oder nach einem halben Liter Wein. Zum Vergleich: Zehn Kilometer mit dem Motorrad zu fahren ergibt ebenfalls einen Mikromort. Mit dem Zug müssen Sie dafür schon 9.656 Kilometer zurücklegen.

Mit anderen Worten: Jeder ist seines Glückes Schmied. Es ist in weiten Teilen Ihre eigene Entscheidung, wie riskant Sie Ihr Leben gestalten. Und unsere Hoffnung ist, dass Sie den einen oder anderen kleinen Tod auslassen. Wie Sie davon auch zu Lebzeiten ganz direkt profitieren können – zum Beispiel durch eine günstigere Police, das erfahren Sie in unserem Rechner.

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