Was ist Burnout?

Bei der Nachrichtenverfolgung beschleicht wohl viele das Gefühl, Burnout sei allgegenwärtig und nehme fast überdimensionale Ausmaße an. Bei Arztbesuchen hören Betroffene aber oft, Burnout gäbe es gar nicht. Im ersten Kapitel erfahren Sie, wieso beides stimmt und weshalb Sie sich damit auseinander setzen sollten.

Kostenloses E-Book: Burnout und die Folgen - Kapitel 1

1.1. Geschichtliches: Von Nervenschwäche zu Burnout

Erschöpfung ist das wesentlichste Merkmal von Burnout und ist kein so modernes Phänomen, wie Sie vielleicht denken. Bereits vor über 100 Jahren wurde von Medizinern ein Syndrom beschrieben, dessen Hauptmerkmal Erschöpfung war, die sogenannte Neurasthenie. Die Ärzte fanden keinen objektiven Krankheitsgrund. Deshalb führten sie die Ursache auf Überarbeitung und den damaligen modernen Lebenswandel um 1900 zurück. Neue Technik und ein beschleunigter Lebensstil sahen sie schon damals als belastend an. In der Folge flammten erste gesellschaftliche Diskussionen rund um das Thema Stress auf. Bald wurde die „Nervenschwäche“ zu einer der meist gestellten psychiatrischen und neurologischen Diagnosen. Daraus entstanden Spezialkliniken, in denen die Behandlung hauptsächlich in der Verordnung von mehrwöchigen bis -monatigen „Ruhekuren“ bestand.

Ein ähnliches Bild zeigte die „Hysterie“ – in dieser Zeit eher bei Frauen festgestellt. Später tauchten kurz die Begriffe „Yuppie flu“ oder das „Psychovegetative Erschöpfungssyndrom“ auf. Mit aufkommender Kritik und genaueren diagnostischen Kriterien verschwanden sie jedoch weitgehend wieder. Zumindest bis 1974, als Herbert Freudenberger in einer Veröffentlichung den Begriff Burnout prägte und bekannt machte. Wenige Jahre danach wurde der erste Burnout-Fragebogen von Christina Maslach entwickelt, mithilfe dessen die systematische Forschung begann. Die meisten Definitionen richten sich heute noch nach dieser Grundlage.

Die Ähnlichkeiten zwischen der Entwicklung des historischen und des aktuellen „Erschöpfungssyndroms“ sind überraschend. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Burnout einerseits als „Modediagnose“ andererseits als „Volkskrankheit“ betitelt wird.

Auch zukünftig wirken sich der hektische Alltag, der technische Fortschritt sowie die dauerhafte Forderung nach mehr Flexibilität auf uns aus. Voraussichtlich werden sich die Anzahl und die Art der Arbeitgeber, Arbeitsorte, Arbeitsgeräte und Arbeitsanforderungen immer weiter erhöhen. Daher sollten Sie sich mit der Thematik Stress und Burnout auseinandersetzen, weil sie einen wichtigen gesundheitlichen Aspekt für jeden Einzelnen darstellt. Sie sollten lernen, sich Ihren Stress bewusst zu machen, um einem Burnout effektiv vorbeugen zu können. Schon allein die Tatsache, dass Sie sich mit dem Thema auseinandersetzen bedeutet, selbst etwas gegen die Möglichkeit einer Krankheitsentstehung zu tun.

„Ich konnte einfach nicht mehr, fühlte mich einfach nur noch leer. Alle vorhandene Kraft für all die beschriebenen Dinge einfach aufgebraucht. Nie lange genug Zeit durch zu schnaufen. Wozu lebt man eigentlich, wenn ein Schrecken nur den nächsten jagt? Nicht, dass ich mich hätte umbringen wollen, aber das Wort ‘lebensmüde’ bekam eine ganz andere Bedeutung für mich.“

Heike F. aus M.
1.2. Heute: Gibt es Burnout? – Burnout oder Depression

An der Frage, ob Burnout eine eigenständige Erkrankung ist, scheiden sich die Fachmeinungen.

Burnout-Modelle im Überblick Burnout-Modelle im Überblick

Da bereits Spezialkliniken für die Behandlung von Burnout existieren, könnte man annehmen, es gelte auch als Erkrankung. Dieser Sachverhalt wird in Modell 1 dargestellt und von einigen Fachautoren vertreten. Andere hingegen sehen die charakteristischen Symptome eher als einen Risikozustand an, der zu psychischen Erkrankungen wie Depression führen kann (Modell 2). Die beiden Modelle 1 und 2 zeigen, dass sich Burnout von (anderen) psychischen Erkrankungen unterscheidet. In einer dritten Annahme setzen Experten das Erscheinungsbild von Burnout mit (Erschöpfungs-) Depression gleich (Modell 3). Hinter diesem Modell stehen auch die Verfechter der These, Burnout gäbe es nicht. In der Praxis können Burnout-Symptome und Depressionen nur von einem Facharzt unterschieden werden. Wissenschaftliche Untersuchungen bestärken diese Diagnose-Problematik, da viele Menschen mit Burnout ebenfalls eine Depression entwickeln und es eine große Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Erkrankung gibt. Trotz der Gemeinsamkeiten können diese beiden Krankheitsbilder aber dennoch nicht gleichgesetzt werden.

Insgesamt gibt es deutliche Überschneidungen zwischen Burnout und Depressionen, aber eben auch Unterschiede. Burnout bezieht sich stark auf die Arbeitswelt, während Depressionen auch unabhängig davon auftreten. Aus psychologischer Sicht führen Belastungen am Arbeitsplatz eher zu Burnout als zu Depressionen.

Burnout als Vorstufe einer psychischen Erkrankung (Modell 2) scheint der Vorstellung der meisten Fachmeinungen zu entsprechen. So beziehen Vertreter aus den Bereich der Psychiatrie und Psychologie die Position, Burnout sei ein ernst zu nehmender Risikozustand, der zu weiteren Erkrankungen führen kann. Prävention stellt daher einen bedeutenden Faktor im Zusammenhang mit Burnout dar. Die meisten Erkrankungen entstehen nicht plötzlich von heute auf morgen, sondern in einem langwierigen Prozess. Als betroffene Person wünschen Sie sich sicherlich rasche medizinische und therapeutische Hilfe. Sie müssen sich jedoch darüber im Klaren sein, dass die Behandlung Zeit benötigt. Präventive Maßnahmen erscheinen daher in therapeutischer Hinsicht sehr wünschenswert.

Viele Betroffene zählen sich lieber zu „ausgebrannten“ als zu „depressiven“ Menschen. Das hat verschiedene Gründe. Sicherlich spielen dabei die deutlich erkennbaren Ursachen von Burnout eine wesentliche Rolle. Auf Überarbeitung oder Mobbing folgt Burnout.

Depression dagegen kann viele Ursachen haben oder auch – bei entsprechender Veranlagung – scheinbar grundlos auftreten. Zudem ist sie eine der klassischsten psychischen Erkrankungen. Das damit verbundene Bild stammt vielleicht noch aus einer Zeit, in der „Verrückte sich beim Seelendoktor auf die Couch legten“. Gerade bei der Behandlung von Depressionen gibt es moderne Therapieformen und viele wirksame Methoden. Informieren Sie sich über Symptome und Möglichkeiten der Behandlung – in Ihrem Umfeld hat voraussichtlich im Laufe Ihres Lebens einer von zehn Menschen eine Depression. Ratgeber für Betroffene, Angehörige und auch Arbeitgeber erhalten Sie kostenlos, z. B. bei der „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ oder bei vielen Krankenkassen.

Burnout gibt es nicht – zumindest führt das System der Ärzte, Therapeuten und Krankenkassen Burnout nicht als eigenständige Erkrankung. Jede Erkrankung hat einen speziellen Diagnoseschlüssel, welcher in einem internationalen Klassifikationssystem festgelegt und verbindlich ist, damit die Leistungen durch die Krankenkassen vergütet werden können. Burnout taucht in diesem System allerdings nicht als Krankheit, sondern nur als Randfaktor auf. Der Arzt kann natürlich nur eine sich im System befindliche Diagnose stellen. Die Hauptdiagnose wird mit einem auf die Burnout- Symptome bezogenen Zusatzschlüssel versehen. Die eigenständige Diagnose eines Burnout-Syndroms gibt es nicht.

Burnout gibt es – zahlreiche Studien untersuchten bereits Menschen mit Burnout und deren Symptome. Auch aus der Praxis wissen wir, dass viele Menschen mit Erschöpfung und Burnout medizinisch behandelt werden. Aus der Sicht von Medizin- Coaches liegt der Sachverhalt deutlich auf der Hand: „Burnout ist keine Krankheit, aber ein ernstes Problem. […] egal wie man Burnout nun wissenschaftlich eingrenzt […] – in vielen Unternehmen ist sie (es) schon lange Realität“. Eine Befragung des Bundesarbeitsministeriums stützt diese These, denn bei etwa sieben Prozent der deutschen Arbeitnehmer kann von einem Burnout gesprochen werden. Somit ist das Auftreten von Burnout mit der Häufigkeit von Erkrankungen, wie Depression, Angststörungen oder auch Diabetes vergleichbar. Andere Studien berichten sogar, ungefähr jeder fünfte Arbeitnehmer in Dänemark oder den USA leidet unter Burnout. Höhere Zahlen kommen aus Osteuropa oder Asien.

1.3. Definition und Symptome von Burnout

„Ich vermute, dass der Körper die Gefühle nach und nach selbst ausknipst, um mehr Kraft für das übrige Leben zu haben.”

Jörg K. aus M.

Eine der ersten Beschreibungen des Burnout-Syndroms lieferte vor genau 40 Jahren Herbert Freudenberger. Seitdem entstanden einige Definitionen. Eine der ersten und bis heute bekanntesten Syndromdefinitionen stammte von Psychologin Christina Maslach. Sie beschrieb Burnout in den 1980er Jahren als einen Zustand mit emotionaler Erschöpfung, innerer Distanzierung von der Arbeit (der sog. Depersonalisation) und reduzierter persönlicher Leitungsfähigkeit.

Etwas leichter verständlich erklärten niederländische und israelische Forscher den Begriff: Burnout ist ein Zustand physischer, emotionaler und mentaler Erschöpfung, der in emotional belastenden Arbeitssituationen auftritt. Zeichen sind Energiemangel, chronische Müdigkeit, körperliche Beschwerden sowie eine negative Einstellung gegenüber sich selbst und der Arbeit.

In allen diesen Beschreibungsversuchen taucht immer das wohl wichtigste Symptom auf, die subjektive Erschöpfung. Es gibt eine ganze Reihe von weiteren Burnout-Symptomen, die bei mittelschwerer subjektiver Erschöpfung auftreten:

  • Jeder dritte leidet an Schlafstörungen,
  • jeder vierte an Kopfschmerzen, Schwindel und Rückenschmerzen,
  • mehr als jeder zehnte unter Herzrasen, Atemproblemen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Reizbarkeit, innerer Unruhe, Niedergeschlagenheit, Ängstlichkeit und Appetitlosigkeit und
  • eine kleine Gruppe von Betroffenen klagt sogar über Zittern und Suizidgedanken.
1.4. Folgen von Burnout

Verschiedene Untersuchungen zu psychischen Erkrankungen beleuchten den Einfluss von Burnout genauer. Alarmierende Zahlen findet man nicht nur in den Berichten von Krankenkassen oder des Bundesarbeitsministeriums. Die gute Nachricht: der Krankenstand geht generell zurück. Die schlechte Nachricht: hierbei stellen die psychischen Erkrankungen eine Ausnahme dar. Die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen stiegen in den vergangenen 15 Jahren um mehr als 80 Prozent und verursachten jährlich etwa 59 Millionen Fehltage.

Psychische Erkrankungen - Hauptursache für Frühverrentungen.

Deutsches Ärzteblatt, 02.01.2013

Es kommt erschwerend hinzu, dass Burnout-Betroffene häufiger und länger arbeitsunfähig sind und oft auch an anderen Erkrankungen leiden. Noch gravierender sind die dauerhaften Auswirkungen, also z. B. die auf die berufliche Leistungsfähigkeit. Die Hauptursache für frühzeitigen Ruhestand stellen mittlerweile psychische Erkrankungen dar. Da Burnout psychische Erkrankungen begünstigt, gilt es bei den ersten Anzeichen frühzeitig aktiv zu werden.

41 Prozent der Frühberentungen haben psychische Ursachen.

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 29.01.2013
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